Die Prämisse als roter Faden

Keine gute Geschichte ohne Prämisse! So habe ich es im Studium gelernt und Sie werden sicherlich auch diesen Satz mehrfach gehört haben. Auch wenn ein Buch sicherlich ohne Prämisse funktioniert, hilft sie doch gerade Autoren am Anfang ihrer Schreibkarriere, nicht den roten Faden zu verlieren. Grund genug, ihr einen Artikel zu widmen.

Prämisse vs. Thema

Die Definition der Prämisse ist nicht allgemeingültig geklärt. Oft wird sie synonym für das Thema eines Buches gebraucht. Hierunter sind sämtliche Aspekte der Geschichte, also die einzelnen Handlungsstränge, Figuren, Schauplätze etc. gemeint. Die Prämisse dagegen ist eine zu beweisende Behauptung oder Annahme, die sich auf die Hauptfigur und ihre Entwicklung bezieht. Sie bildet damit den Kern der Geschichte, an dem sich alles andere orientiert.

Nach Lajos Egri (“Dramatisches Schreiben”) besteht eine Prämisse aus drei Teilen: Ausgangspunkt, Konflikt und Lösung. Dabei ergibt sich die Lösung logisch aus den ersten beiden Teilen.

Der Miesepeter vertreibt mit seiner üblen Laune alle Menschen und stirbt allein. Die Prämisse lautet: “Unfreundlichkeit führt zu Einsamkeit”.

Zu Beginn lernt der Leser die misantropische Hauptfigur kennen, im Hauptteil kommt es zu einem schlimmen Streit mit Familie und Freunden, sodass sie am Ende verbittert und allein stirbt.

Die stärkste Charaktereigenschaft der Hauptfigur führt zum Konflikt, das Ende ist die Lösung. Allerdings würde ich das Ende eher als logische Konsequenz denn als Lösung bezeichnen.

Die Prämisse finden

Der Zeitaufwand, den Sie für das Formulieren der Prämisse benötigen, lohnt sich! Sie hilft nämlich im nächsten Schritt beim Plotten Ihrer Geschichte, indem Sie sie Schritt für Schritt erweitern, ohne sich in Nebenhandlungen zu verzetteln.

Zu Beginn reicht eine Idee, ein Gefühl oder ein Thema, das Sie durch Ihr Leben begleitet. Daraus entwickeln Sie die Hauptfigur. Aus ihren Charaktereigenschaften entsteht später der Konflikt.

Wenn Sie über einen notorischen Lügner schreiben wollen, entwickeln Sie eine Figur rund um diese Eigenschaft. Ihr Protagonist wird eher verantwortungslos, egoistisch und habgierig sein. Oder er lügt aus Unsicherheit und Harmoniebedürftigkeit.

Sobald Sie die passende Hauptfigur detailliert vor Augen (und auf dem Papier) haben, dürfen Sie sich um den passenden Konflikt kümmern. Was will Ihre Hauptfigur und welche Hürden muss sie dafür überwinden? Was wäre das Schlimmste, was ihr passieren könnte?

Tragen Sie gerne dick auf! Je schwerer die Herausforderung, umso größer ist die Spannung. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf.

Tobias kommt aus armen Verhältnissen, seine Zukunftsaussichten sind mies. Dann verliebt er sich in Nathalie, die Tochter eines reichen Unternehmers. Sie bedeutet zudem die einzige Chance, sich ein besseres Leben aufzubauen. Tobias weiß, dass Nathalie ihn aufgrund seiner sozialen Herkunft niemals beachten würde. Also nimmt er die Identität eines einflussreichen Hotelbesitzers an. 

Haben Sie Ausgangspunkt und Konflikt festgelegt, dürfen Sie sich bei der logischen Folge kreativ austoben. Eine Prämisse muss nämlich keineswegs moralisch einwandfrei sein. Die rücksichtslose Managerin darf sich am Ende auf ihrer eigenen Insel sonnen, der hoffnungslose Romantiker sein restliches Leben mit einem gebrochenen Herzen verbringen. Sie entscheiden, ob der Konflikt Ihrer Heldin Sieg oder Niederlage bringt.

Tobias´ falsche Identität fliegt auf, die Chance auf eine Beziehung mit Nathalie und den sozialen Aufstieg ist für immer verwirkt. 

Entscheiden Sie sich für ein logisches und nachvollziehbares Ende, das gerne bitterböse oder zuckersüß sein darf.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Geschichte für Tobias ausgehen könnte:

Entweder kann Tobias Nathalie davon überzeugen, dass alles nur ein dummes Missverständnis war und er sie wirklich liebt – oder eben nicht.

Die jeweils passende Prämisse wäre “Eine Lüge führt zu wahrer Liebe” oder “Eine Lüge führt zu zerstörten Hoffnungen.”

Sollten Sie Mühe bei der Formulierung Ihrer Prämisse haben, dürfen Sie selbstverständlich auf eine bereits vorhandene zurückgreifen. Es gibt unzählige Bücher mit derselben Prämisse, die jedoch ganz unterschiedlich geschrieben sind.

Der Sinn einer Prämisse

Bei der Plotentwicklung zieht sich die Prämisse wie ein logischer roter Faden durch die Geschichte. An ihr können Sie sich beim Aufbau der Handlung orientieren. So vermeiden Sie überflüssige Nebenhandlungen und -figuren, die Ihre Geschichte zu weitschweifig werden lassen. Umgekehrt erkennen Sie, wo Lücken in der Handlung gefüllt werden müssen. 

Die Prämisse sorgt dafür, dass sich die Hauptfigur entwickelt. Niemand möchte ein Buch lesen, in dem am Ende alles so bleibt wie bisher. Selbst wenn eine Katastrophe nach der nächsten auftaucht und zum Schluss das Happy End winkt, haben sich die Figuren verändert. Durch die Katastrophen konnten sie wachsen, selbstbewusster werden oder ihren wahren Charakter zeigen. Diese Verwandlung wird in der Prämisse festgehalten.

Durch die Prämisse gibt es zwangsläufig logische Handlungsfolgen. Auch wenn Phantasie beim Schreiben wichtig ist, allzu abstrus darf die Handlung nicht werden, weil der Leser sonst nicht mehr folgen kann und will. Der Zusammenhang der einzelnen Szenen wird durch die Prämisse für Sie als Autor deutlicher, was die Qualität Ihres Buches steigert.

Prämisse für “Freischreiber”

Was aber machen Autoren, die ohne Konzept und Plan schreiben, weil Ihnen Ideen, Szenen und  Entwicklung der Figuren zufliegen? Wenn Sie zum Typ “Freischreiber” gehören, sollten Sie wenigstens bei der Überarbeitung die Prämisse suchen. Mit ihrer Hilfe erkennen Sie unwichtige Szenen oder sogar Figuren, die Sie dann streichen können. Dadurch gewinnt Ihre Geschichte an Dichte, Tempo und sicherlich an Lesern.